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© Ottobock

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„Wir sollten Diversität nicht als Korrekturmaßnahme verstehen, sondern als Designprinzip.“

Martin Böhm, Chief Experience Officer bei Ottobock
Interview

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KI-generierte Bilder von Menschen – aber Menschen mit Prothesen oder Gliedmaßendifferenzen kommen darin oft gar nicht oder nur verzerrt vor. Mit „Dear AI“ hat Ottobock, das MedTech-Unternehmen mit Wurzeln in Berlin (gegründet 1919, heutiger Hauptsitz in Duderstadt), eine Kampagne gestartet, die genau das ändern will – nicht gegen KI, sondern für eine KI, die alle Menschen zeigt. Gemeinsam mit dem Berliner PRESENCE Creative Studio und mehr als 80 Brand-Ambassadors weltweit hat Ottobock eine Reihe offener Briefe an die KI entwickelt – als Plakate, Filme und Social-Media-Beiträge. 

Im Zentrum der Initiative steht die „Dear AI Community Library“: ein offener Datensatz, den Prothesenträger:innen selbst kuratieren, mit technologischer Unterstützung von Microsoft. Im Interview spricht Martin Böhm, Chief Experience Officer bei Ottobock, darüber, wie die Kampagne entstanden ist, warum Repräsentation kein nachträgliches Korrektiv sein darf, sondern von Anfang an mitgedacht werden muss – und welchen Beitrag Berlins vielfältiges KI-Ökosystem zu diesem Thema leisten kann.

Herr Böhm, mit „Dear AI“ richtet sich Ottobock direkt an Künstliche Intelligenz – ein ungewöhnlicher Kommunikationsansatz. Wie ist diese Idee entstanden, und warum war ein offener Brief die richtige Form für dieses Thema? 

Die Idee entstand aus einer einfachen Beobachtung: KI kann nur aus dem lernen, was sie bereits gesehen hat. Es hat sich gezeigt, dass Menschen mit Amputationen oder Dysmelien in KI-generierten Bildern entweder gar nicht vorkommen oder unrealistisch dargestellt werden – und wenn, häufig in verzerrten Darstellungen, beispielsweise als Cyborgs statt als Menschen in ihrem ganz normalen Alltag. 

Es geht uns nicht allein um bessere KI-Bilder. Es geht darum, wer in der digitalen Welt von morgen sichtbar ist – und wer nicht. Diese Frage wollten wir mit „Dear AI" sichtbar machen. Der offene Brief war dafür das passende Format. Er ermöglicht eine direkte, persönliche Ansprache durch die Anwenderinnen und Anwender selbst und verdeutlicht, dass hinter den Daten in Wirklichkeit reale Menschen mit echten Lebensgeschichten stehen. Unser Ziel war es, KI etwas Sinnvolles und Menschliches hinzuzufügen: authentische Perspektiven, die bisher in den Trainingsdaten fehlten. 

Die Kampagne versteht sich nicht als Kritik an KI, sondern will ihr etwas hinzufügen. Wie geht Ottobock mit dem Umstand um, dass ausgerechnet die Technologie, die bislang Repräsentationslücken aufweist, jetzt auch Teil der Lösung werden soll? 

Wir betrachten KI nicht als die Ursache des Problems, sondern als Spiegel der Daten, mit denen sie trainiert wurde. Wenn bestimmte Lebensrealitäten dort fehlen, werden sie auch in den Ergebnissen logischerweise fehlen. Deshalb wollten wir die Diskussion weg von der reinen Kritik und hin zur aktiven Mitgestaltung lenken. 

Unser Ansatz lautet: Wenn KI aus Daten lernt, müssen die Menschen, die bislang falsch oder gar nicht dargestellt wurden, die Möglichkeit erhalten, diese Daten mitzugestalten. Genau das macht die #DearAI Community Library möglich. Wir geben KI nicht einfach Feedback, sondern stellen ihr authentisches Material zur Verfügung, das von den Prothesenträgerinnen und -trägern selbst ausgewählt und eingeordnet wurde. 

Herzstück der Initiative ist die „Dear AI Library" – ein offener Datensatz, an dem Prothesenträger:innen selbst mitwirken. Wie ist dieser Beteiligungsprozess gestaltet, und welche Rolle spielt Selbstbestimmung für die Menschen, die ihre Bilder beisteuern? 

Uns war von Anfang an wichtig, dass weder Ottobock noch Microsoft darüber entscheiden, wie Menschen mit Amputationen und Dysmelien dargestellt werden sollen. Diese Entscheidung muss bei denjenigen liegen, die die Erfahrung selbst leben. 

Deshalb haben Prothesennutzende weltweit eigene Bilder und Videos eingereicht. In Arbeitsgruppen wurden diese anschließend von Community-Mitgliedern ausgewählt, kuratiert und annotiert. Sie haben gemeinsam definiert, was eine authentische, respektvolle und realitätsnahe Darstellung ausmacht und damit die Datenbank gefüttert. 

Ein einzelner, wenn auch offener Datensatz trifft auf Trainingsdaten globaler KI-Modelle, die um ein Vielfaches größer sind. Wie realistisch ist es, dass „Dear AI" tatsächlich messbaren Einfluss auf große Bildmodelle nimmt – und was müsste zusätzlich passieren? 

Wir sollten die Wirkung nicht allein an der Größe eines Datensatzes messen. Entscheidend ist die Qualität und die Relevanz der Daten. Die #DearAI Community Library wurde sehr bewusst aufgebaut, um genau die Lücken zu schließen, die heute in vielen KI-Systemen existieren. 

Natürlich wird ein einzelner Datensatz die gesamte KI-Welt nicht über Nacht verändern. Aber er schafft einen konkreten, sofort nutzbaren Baustein für Entwickler, Forschende und Kreativschaffende. Darüber hinaus braucht es ein grundsätzliches Umdenken: Repräsentation muss bereits bei der Entwicklung von KI-Systemen berücksichtigt werden und nicht erst im Nachhinein. Diverse Datensätze, Community-Beteiligung und verantwortungsvolle AI-Governance müssen zum Standard werden. 

Berlin gilt als eines der dynamischsten KI-Ökosysteme Europas, mit Startups, Unternehmen, Forschungseinrichtungen und öffentlichen Organisationen, die an vertrauenswürdiger KI arbeiten. Die Kampagne selbst entstand mit dem Berliner Studio PRESENCE Creative Studio. Wie ordnet sich ein Projekt wie „Dear AI" in diese Berliner Landschaft ein, und welchen Beitrag kann die Stadt zum Thema faire und inklusive KI leisten? 

Berlin verbindet Technologie, Kreativität, Wissenschaft und gesellschaftliche Innovation auf besondere Weise. Genau deshalb war die Stadt ein idealer Ort für ein Projekt wie „Dear AI". 

Die „Dear AI Library" soll im Juli 2026 als Open-Source-Plattform veröffentlicht werden. Was passiert danach – wie wird aus einer Kampagne ein nachhaltiges Projekt, das nicht nach dem ersten Aufmerksamkeitszyklus wieder verschwindet? 

Für uns war die Veröffentlichung nie das Endziel, sondern der Beginn einer langfristigen Entwicklung. Die #DearAI Community Library ist ein offenes Angebot an die KI-Community weltweit. Entwickler, Forschende, Unternehmen und Kreative können damit arbeiten und sie weiter nutzen. Wir möchten, dass daraus ein lebendiges Projekt wird, das mit der Community wächst. 

Langfristig geht es darum, die Qualität von Repräsentation in KI dauerhaft zu verbessern – nicht für einen einzelnen Kampagnenzyklus, sondern für die nächste Generation digitaler Systeme. 

Fehlrepräsentation betrifft neben Menschen mit Prothesen auch viele andere Gruppen, die in KI-Trainingsdaten unterrepräsentiert sind. Könnte „Dear AI" ein Modell für andere Communities sein – und was müsste die KI-Branche insgesamt anders machen, damit Repräsentation von Anfang an mitgedacht wird? 

Absolut. Wir verstehen „Dear AI" nicht als exklusives Projekt für Prothesennutzende. Tatsächlich könnte man es als eine Art Blueprint für Community-basierte Repräsentation in KI-Systemen betrachten. Denn das Prinzip ist universell: Menschen sollten nicht erst dann einbezogen werden, wenn Probleme sichtbar werden, sondern bereits bei der Gestaltung der Daten, auf denen KI aufgebaut ist. Wenn Betroffene selbst definieren können, wie sie dargestellt werden möchten, entstehen authentischere und inklusivere Systeme. 

Wir sollten Diversität nicht als Korrekturmaßnahme verstehen, sondern als Designprinzip. Verantwortung beginnt nicht beim fertigen Produkt, Modell oder System, sondern bei den Daten, den Prozessen und den Menschen, die an ihrer Entstehung beteiligt sind.

Vielen Dank für das Gespräch.

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