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„Unser Ziel ist es, Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich skalierbar zu machen.“
Dr. Karym Zupan El Sayed & Sascha Karhöfer, Co-Founders von InCycling
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Jedes Jahr gehen in der Pharma- und Chemieindustrie Rohstoffe im Wert von Milliarden Euro verloren – Chemikalien, die vollständig nutzbar bleiben, aber nie einen Zweitmarkt erreichen, weil Enterprise-Resource-Planning (ERP)-Daten, Qualitätsdokumentation und regulatorische Informationen nie konsequent zentral zusammengeführt und rechtzeitig nutzbar gemacht werden. Genau hier setzt InCycling an: Das Berliner Start-up hat eine KI-Plattform entwickelt, die diese verstreuten Daten bündelt und sie automatisch in handelbare Materialprofile verwandelt – und reduziert damit Abschreibungen sowie Kapital-, Lager-, Transport- und Entsorgungskosten. Im September startete das Unternehmen seine Seed-Finanzierungsrunde, die bis Ende November abgeschlossen werden soll – nach einem ersten Jahr, das vom Bootstrapping bis zu drei Großkunden-Pilotprojekten und rund 800.000 Euro Umsatz führte.
Gegründet wurde InCycling von Dr. Karym Zupan El Sayed und Sascha Karhöfer. Beide haben jahrelang in komplexen industriellen Systemen im Gesundheits-, Chemie- und Pharmabereich gearbeitet und dabei aus erster Hand miterlebt, wie viel Material, Energie und nutzbarer Wert verloren geht, weil Systeme nicht für Kreislaufwirtschaft gebaut sind. Damit stehen sie für einen Trend, der im KI- und Deep-Tech-Umfeld immer sichtbarer wird: Gründer:innen, die eine Branche nicht von außen betrachten, sondern aus ihr heraus aufbauen – mit jahrelanger Erfahrung, Netzwerk und einem genauen Gespür für das eigentliche Problem. Im Interview sprechen Karym und Sascha darüber, wo die größten Hürden für einen funktionierenden Zweitmarkt liegen, was InCyclings Wachstum zwischen Berlin und Erfurt antreibt und was sich verändern muss, damit aus einem lange übersehenen Problem ein funktionierender neuer Markt wird.
Karym, im September habt ihr eure Seed-Runde gestartet – nach einem starken ersten Jahr für InCycling. Was hat euch in dieser Zeit am meisten überrascht, und was wollt ihr mit der Seed-Runde als Nächstes ermöglichen?
Dr. Karym Zupan El Sayed: Am meisten überrascht hat mich, wie tief verwurzelt das Problem ist. Es ist kein Daten- oder Technologieproblem, sondern ein strukturelles: Überschussmaterial entsteht durch schwankende Kundennachfrage, Sicherheitsbestände, veränderte Produktionspläne oder das Ende von Projekten. Unternehmen wissen seit Jahren, dass Rohstoffe und Chemikalien im Wert von Millionen Euro ungenutzt bleiben oder abgeschrieben werden. Was bisher fehlte, war eine effektive und skalierbare Möglichkeit, diese Materialien innerhalb bestehender Unternehmensprozesse wieder in den Wirtschaftskreislauf zu bringen.
Und natürlich gibt es immer die Hoffnung, dass sich irgendwann doch noch eine Verwendung für den Überschuss findet. Aber je tiefer wir in die Materie eingestiegen sind, desto klarer wurde: Ohne gezielte Marktidentifikation, geeignete Abnehmer und die notwendige regulatorische Prüfung bleibt dieses Potenzial in vielen Fällen ungenutzt. Sobald wir Unternehmenspartnern zeigen konnten, dass wir ihre Überschuss-Rohstoffe schnell bewerten und potenzielle Absatzmärkte identifizieren können, war die Reaktion oft: „Warum hat das nicht schon längst jemand gemacht?" Dieser strukturelle Bedarf im großen Maßstab hat unsere These schneller bestätigt, als wir erwartet hatten – wir haben in unserem ersten Jahr drei Pilotprojekte unterschrieben. Zwei davon mit DAX-Unternehmen.
Die Seed-Runde soll uns dabei unterstützen, unser bereits validiertes Geschäftsmodell zu skalieren und den nächsten Entwicklungsschritt zu vollziehen: von serviceorientierten Kundenprojekten hin zu einem skalierbaren SaaS-Geschäft. Im Mittelpunkt stehen dabei die Weiterentwicklung unseres KI-gestützten Matchings und die Automatisierung von Compliance-Prozessen. Gleichzeitig wollen wir unser kommerzielles und technisches Team gezielt ausbauen, um mehrere Enterprise-Integrationen parallel umzusetzen und die steigende Nachfrage bedienen zu können. Für das kommende Jahr planen wir, unser Team von derzeit 8 auf 19 Mitarbeitende zu vergrößern. Damit schaffen wir die personellen Voraussetzungen, um die Produktentwicklung zu beschleunigen, unsere technologische Basis weiterzuentwickeln und den Vertrieb sowie die Kundenbetreuung im Einklang mit unserem Wachstum auszubauen.
InCycling nutzt KI, um aus ERP-Daten, Qualitätsunterlagen und regulatorischen Informationen handelbare Materialprofile zu erstellen. Welche Aufgabe ist für die KI dabei technologisch am anspruchsvollsten – und wo bleibt der Human in the Loop unverzichtbar?
Dr. Karym Zupan El Sayed: Der schwierigste Teil ist nicht das Matching selbst, sondern der Schritt der Extraktion und Normalisierung: unstrukturierte oder halbstrukturierte Daten – etwa Spezifikationen, Sicherheitsdatenblätter, regulatorische Dokumentation und ERP-Überschusseinträge – in ein konsistentes, maschinenlesbares Materialprofil zu verwandeln. Chemikalien- und Rohstoffdaten können unübersichtlich, uneinheitlich formatiert und oft in Scans, PDFs oder veralteten ERP-Feldern verborgen sein. Diese erste Ebene richtig hinzubekommen, ist die Grundlage für alles, was danach kommt.
Unverzichtbar bleiben Menschen bei Compliance-Entscheidungen und Grenzfällen: regulatorische Auslegung, Qualitätsentscheidungen und der Aufbau von Vertrauen bei Transaktionen mit echtem industriellem Risiko. KI kann Informationen markieren, strukturieren und vorqualifizieren – aber die endgültige Freigabe eines konformen Listings oder eine Einschätzung bei einem Grenzfall-Material profitiert weiterhin von einem Experten im Loop und dem Wissen, welcher Geschäftspartner für eine bestimmte Substanz der richtige wäre. Genau nach diesem Prinzip haben wir InCycling aufgebaut: 80 Prozent der Arbeit automatisieren, Menschen aber bei den Entscheidungen, die zählen, in Kontrolle behalten – und für die letzte Meile im wiederkehrenden Geschäft auf persönliche Netzwerke setzen.
Sascha, Überschusschemikalien sind häufig noch vollständig nutzbar und erreichen trotzdem nie einen Zweitmarkt – ein Problem, das du aus deiner eigenen Zeit in der Industrie genau kennst, sowohl auf der Verkaufs- als auch auf der Einkaufsseite. Wo liegt aus deiner Sicht heute die größte Hürde: bei den Daten, der Technologie oder den internen Prozessen der Unternehmen?
Sascha Karhöfer: Ehrlich gesagt spielen alle drei irgendwie zusammen, aber wenn ich mich für eines entscheiden müsste, wären es interne Prozesse und organisatorische Gewohnheiten, die meist über Jahrzehnte gewachsen sind. Die Daten sind vorhanden und mittlerweile gibt es zum Glück auch die Technologie, um sie zu strukturieren. Allerdings haben die meisten Unternehmen keine interne Zuständigkeit oder keinen Workflow für Überschuss. Er fällt zwischen Einkauf, Finanzen, Produktionsplanung, Qualität und manchmal sogar Entsorgung – und niemand hat einen Anreiz, daraus ein Businessmodell zu machen, welches Abschreibungen, Kapitalkosten, Transport- und Vernichtungskosten reduzieren würde.
Genau diese Lücke schließt InCycling: Wir docken an bestehende ERP- und Qualitätsinfrastrukturen an, sodass die Erkennung von Überschuss zu einem automatisierten Nebenprodukt des normalen Betriebs wird, statt von Grund auf einen neuen internen Prozess zu erfordern. Und mit unserer InCycling-KI-Plattform übernehmen wir den Rest und managen den verkäuflichen Überschuss für unsere Partner.
100 Tonnen wurden bereits verkauft, und mehr als 500 weitere Tonnen Material befinden sich in eurer Pipeline. Was haben euch die ersten Großkunden-Piloten darüber gelehrt: wann wird aus einem Überschuss tatsächlich ein wirtschaftlich handelbarer Rohstoff?
Sascha Karhöfer: Der Wendepunkt ist nicht die chemische Eigenschaft, die Menge oder allein der Wert. Der meiste Überschuss, den wir sehen, ist nach wie vor vollständig nutzbar. Ausschlaggebend sind Dokumentation und Vertrauen: In dem Moment, in dem ein Material über verifizierte Qualitätsdaten, einen klaren regulatorischen Status und eine transparente Herkunftskette verfügt, ist es nicht mehr nur „potenzieller Abfall, der in einem Lager steht", sondern wird zu einem wertvollen Rohstoff, den ein Käufer tatsächlich verbindlich erwerben kann.
Unsere Pilotprojekte haben uns gelehrt, dass Geschwindigkeit hier entscheidend ist – je schneller wir diese Materialien erfassen und daraus vertrauenswürdige Substanzprofile erstellen können, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er verkauft statt entsorgt wird. Hier sind unsere Automatisierungsfortschritte entscheidend: Je effizienter wir werden, desto niedriger die Wert- und Mengenschwelle, ab der sich ein Handel lohnt. Deshalb optimieren wir konsequent auf Time-to-Listing sowie auf die Effektivität und Präzision des Material-Käufer-Matchings.
Karym, InCycling verbindet Circular Economy mit einem konkreten Business Case: weniger Abschreibungen und Entsorgungskosten, gleichzeitig eine bessere Nutzung vorhandener Ressourcen. Was bringt Unternehmen in der Praxis am ehesten dazu, ihre bisherigen Prozesse zu verändern?
Dr. Karym Zupan El Sayed: Der Business Case muss konkret und messbar sein. Unternehmen müssen einen positiven Effekt auf ihre Bilanz erkennen, ohne dass der Einstieg in die Kreislaufwirtschaft unnötig kompliziert wird. Wenn wir einem Unternehmen zeigen können, dass jeder Euro Überschussmaterial aktuell zusätzliche Kosten für Lagerung, Transport und Entsorgung verursacht, und dass sich ein Teil dieses Werts auf einem konformen Zweitmarkt zurückgewinnen lässt, entsteht ein Gespräch, das auch Finance-, Produktions- und Einkaufsteams ernst nehmen.
Unser Ziel ist es, Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich skalierbar zu machen. Denn wenn sich die Wiederverwendung von Überschussmaterial für Unternehmen rechnet, entsteht ein nachhaltiger Anreiz, bestehende Ressourcen länger im Wirtschaftskreislauf zu halten. Genau diese Verbindung von wirtschaftlichem Nutzen und ökologischer Wirkung wollen wir mit InCycling ermöglichen. Jedes Material, das wir einer geeigneten weiteren Nutzung zuführen, kann Abschreibungen vermeiden, Ressourcen schonen und unnötige Entsorgung reduzieren.
InCycling ist in Berlin entstanden und baut inzwischen zusätzlich einen Standort in Erfurt auf. Welche Rolle spielt das Berliner KI- und Innovationsökosystem für eure Entwicklung – und welches Potenzial siehst du hier für AI-Lösungen, die industrielle Materialkreisläufe neu denken?
Dr. Karym Zupan El Sayed: Berlin ist InCyclings Hauptsitz und unser Zuhause. Es gibt uns Zugang zu Deep-Tech-Talenten, einem schnelllebigen KI- und Startup-Ökosystem und Nähe zum Investor:innen-Netzwerk, das wir für diese Runde jetzt anzapfen. Hier haben wir unser Führungsteam aufgebaut und sind unseren Accelerator-Programmen beigetreten.
In Erfurt und der weiteren Thüringen-Region planen wir, Talente einzustellen, um unser Compliance-Modul aufzubauen. Das ist eine eigenständige, entwicklungsintensive Produktkomponente. Während Berlin für Startups lebendiger ist, bietet Thüringen eine attraktivere Kostenstruktur, um einen operativen Betrieb zu skalieren, ist ein wichtiger Logistik-Hub und liegt in unmittelbarer Nähe zu Pharma-Clustern.
Sascha, blicken wir zwei bis drei Jahre voraus: Was müsste sich in der Chemie- und Pharmaindustrie verändert haben, damit du sagen würdest, InCycling hat aus einem bislang wenig beachteten Problem einen funktionierenden neuen Markt gemacht?
Sascha Karhöfer: Wir wissen, dass InCycling erfolgreich war, wenn der Handel mit Überschusschemikalien kein manuelles, beziehungsgetriebenes Nebengeschäft mehr ist, sondern ein standardisierter, automatisierter Prozess, der fest im Tagesgeschäft von Chemie- und Pharmaunternehmen verankert ist. Überschuss wird dann nicht mehr als Planungsversagen betrachtet, sondern als gut gemanagter Nebeneffekt stark regulierter Branchen mit langen Durchlaufzeiten. In ein paar Jahren gibt es keinen Grund, warum InCycling nicht zur branchenweiten Infrastruktur geworden sein sollte, ähnlich wie es bei Zahlungsabwicklung oder Logistik-Tracking passiert ist. In etwas mehr als drei Jahren sieht Erfolg für uns so aus: Hunderte Unternehmenskund:innen, deren Überschuss automatisch erfasst und gelistet wird, ein liquides Käufer:innen-Netzwerk, das dank präzisem Matching und Vertrauen in die Überschussquelle Sekundärmaterial zu einem normalen Beschaffungskanal und damit die Entsorgung von Überschüssen zur Ausnahme statt zum Standardfall macht.
Wenn wir das erreichen, haben wir die fehlende Infrastrukturebene für industrielle Kreislaufwirtschaft gebaut und damit den idealen Win-Win-Win erzeugt: Umsatz für unsere Kund:innen geschaffen, wettbewerbsfähige Produkte für Käufer:innen angeboten und gleichzeitig unsere Umwelt geschützt.
Vielen Dank für das tolle Gespräch.
Hinweis: Das Interview wurde im Original auf Englisch geführt und anschließend ins Deutsche übersetzt.