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© Sinan Arslan, SIBB

© Sinan Arslan, SIBB

„Eine lebenswerte digitale Zukunft entsteht nicht allein durch neue Technologien.“

Sinan Arslan, Geschäftsführer des SIBB
Interview

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Seit Juni 2026 läuft der neue SIBB-Incubator mit Schwerpunkt auf Cybersecurity und Trustworthy AI – Teil des vom Land Berlin und der EU (ESF+) geförderten Berliner Startup Stipendiums. Acht Teams arbeiten in der ersten Kohorte an Themen von Trust-Infrastrukturen und Cybersecurity-Compliance bis hin zu Bioinformatik, Industrieanwendungen und Waldbrandmanagement – unterstützt mit bis zu 100.000 Euro Förderung pro Team über zehn Monate.

Im Interview spricht Sinan Arslan, Geschäftsführer des SIBB – dem Verband der Software-, Informations- und Kommunikationsindustrie Berlin-Brandenburg mit rund 200 Mitgliedsunternehmen – darüber, warum Vertrauen zunehmend zum Wettbewerbsvorteil wird, was Trustworthy AI für Gründer:innen in der Frühphase konkret bedeutet – und warum Berlin aus seiner Sicht auf dem Weg ist, der führende Standort für vertrauenswürdige digitale Innovationen in Europa zu werden.

Sinan, der SIBB begleitet Berliner Gründerteams bereits seit 2019 – und hat nun einen neuen Incubator mit Schwerpunkt auf Cybersecurity und Trustworthy AI gestartet. Was hat euch dazu bewogen, genau hier den inhaltlichen Fokus zu setzen?

Wir erleben derzeit einen grundlegenden Wandel im Innovationsgeschehen. Bei KI geht es längst nicht mehr nur darum, was technisch möglich ist. Unternehmen fragen heute viel stärker, ob Anwendungen sicher, nachvollziehbar und verantwortungsvoll eingesetzt werden können. Zudem rückt die Kostenfrage stärker in den Fokus: Rechnet sich der Einsatz? Wie setze ich die vorhandenen Ressourcen effizient und sinnvoll ein?

Deshalb haben wir den Schwerpunkt unseres Incubators auf Cybersecurity und Trustworthy AI gelegt. Für uns gehören beide Themen untrennbar zusammen: Je stärker KI in Wirtschaft und Gesellschaft Einzug hält, desto wichtiger werden Vertrauen, Sicherheit und Resilienz. Startups haben die Chance, diese Anforderungen von Anfang an in ihre Produkte einzubauen – und genau dabei wollen wir sie unterstützen. Unser Ziel ist es, Technologien zu fördern, die wirtschaftlich erfolgreich sind und gleichzeitig zu einer lebenswerten digitalen Zukunft beitragen.

Trustworthy AI ist ein Begriff, der derzeit viel diskutiert wird – aber was bedeutet er konkret für Startups in der Frühphase? Was müssen Gründer:innen heute mitbringen, um KI-Produkte zu bauen, denen Nutzer:innen, Unternehmen und die Gesellschaft wirklich vertrauen können?

Trustworthy AI bedeutet für uns, KI so zu entwickeln, dass sie sicher, transparent und verantwortungsvoll eingesetzt werden kann. Für Startups beginnt das nicht erst mit regulatorischen Vorgaben oder kurz vor dem Markteintritt. Die entscheidenden Weichen werden ganz am Anfang gestellt – bei der Wahl der Daten, der Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen oder der Frage, wie Risiken minimiert werden. 

Gleichzeitig beobachten wir, dass Vertrauen zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil wird. Unternehmen kaufen künftig nicht nur die leistungsfähigste KI, sondern die, die zuverlässig funktioniert und sich verantwortungsvoll einsetzen lässt. Wer diese Perspektive früh mitdenkt, entwickelt nicht nur bessere Produkte, sondern auch tragfähigere Geschäftsmodelle.

Berlin hat sich in den letzten Jahren zu einem der dichtesten KI-Ökosysteme Europas entwickelt – mit aktuell ca. 600 KI-Startups und -Scaleups. Was macht Berlin aus eurer Sicht als Standort für Cybersecurity- und KI so interessant?

Berlin war schon immer ein Ort, an dem neue Ideen auf Offenheit treffen. Diese Freiheit ist ein wichtiger Standortfaktor – gerade für Technologien wie KI oder Cybersecurity. Hier arbeiten Forschung, Startups, etablierte Unternehmen, Verwaltung und Zivilgesellschaft eng zusammen. Das schafft ein Umfeld, in dem Innovation nicht im Labor bleibt, sondern früh an realen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anforderungen gemessen wird.

Unsere aktuelle Incubator-Kohorte zeigt diese Vielfalt sehr deutlich – von Bioinformatik über Industrieanwendungen bis hin zu Cybersecurity und Waldbrandmanagement. Berlin hat damit beste Voraussetzungen, nicht nur neue Technologien hervorzubringen, sondern Lösungen für konkrete gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen zu entwickeln. Jetzt gilt es, diese Stärke konsequent in marktfähige Innovationen zu übersetzen.

In der Anfang Juni gestarteten SIBB-Incubator-Kohorte arbeiten acht Teams an ganz unterschiedlichen Projekten. Welche Muster erkennt ihr darin – und was zeigen sie über die Entwicklung von Cybersecurity, Trustworthy AI und Deep Tech in Berlin?

Mich beeindruckt, dass alle acht Teams an konkreten Herausforderungen arbeiten. Das zeigt, wie sich das Berliner Startup-Ökosystem verändert. KI wird zunehmend zur Basistechnologie, während Deep Tech dort entsteht, wo wissenschaftliche Erkenntnisse in marktfähige Lösungen übersetzt werden. Diese Unternehmen entwickeln keine Anwendungen „von der Stange", sondern arbeiten an Technologien, die komplexe Probleme in Industrie, Gesundheit oder kritischer Infrastruktur lösen. 

Gleichzeitig zieht sich ein Thema durch viele Projekte: Vertrauen. Ob Cybersecurity, Compliance oder verlässliche KI – die Teams entwickeln Lösungen für eine digitale Wirtschaft, die nicht nur innovativ, sondern auch sicher und resilient sein muss.

Der SIBB vernetzt über 200 Tech-Unternehmen sowie nationale und europäische Institutionen. Welche Rolle spielen solche Netzwerke für Startups in der Frühphase?

Gerade in der Frühphase entscheiden nicht allein Kapital oder Technologie über den Erfolg eines Startups. Genauso wichtig ist der Zugang zu Menschen, die Erfahrungen teilen, kritische Fragen stellen und Türen öffnen. Netzwerke schaffen genau diese Verbindungen. Sie bringen Gründerinnen und Gründer mit Unternehmen, Wissenschaft, Politik und Investorinnen und Investoren zusammen und helfen dabei, Produkte früh an den tatsächlichen Bedarf des Marktes anzupassen.

Als Verband verstehen wir uns dabei als Brückenbauer. Wir schaffen Räume, in denen Wissen, Perspektiven und Erfahrungen zusammenkommen. Davon profitieren nicht nur die Startups, sondern auch etablierte Unternehmen, die früh mit neuen Technologien in Berührung kommen und Innovation gemeinsam weiterentwickeln können.

Wenn du drei Jahre in die Zukunft blickst: Wie soll Berlin als digitaler Standort dann dastehen – und welchen Beitrag will der SIBB auf diesem Weg leisten?

Ich bin überzeugt, dass Berlin der führende Standort für vertrauenswürdige digitale Innovationen in Europa sein wird. Wir haben hervorragende Forschung, kreative Gründerinnen und Gründer und starke Unternehmen. Hinzu kommt eine exzellente Infrastruktur für Frühphasenfinanzierung und ein immer stärker werdendes Netzwerk an Investoren, von Business Angels hin zu VCs. Jetzt müssen wir diese Stärken noch besser miteinander verbinden.

Der SIBB trägt dazu bei, indem wir Netzwerke ausbauen, den Wissenstransfer zwischen Startups, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik fördern und jungen Unternehmen den Weg in den Markt erleichtern. Eine lebenswerte digitale Zukunft entsteht nicht allein durch neue Technologien, sondern dadurch, dass wir sie verantwortungsvoll entwickeln und einen konkreten Mehrwert für Menschen und Unternehmen schaffen.

Vielen Dank für das tolle Gespräch.

Vita: Sinan Arslan ist Geschäftsführer des SIBB, Verband der Digitalwirtschaft in Berlin und Brandenburg. Seit Januar 2025 verantwortet er die strategische Weiterentwicklung des Verbands und setzt sich für die Vernetzung von Wirtschaft, Startups, Wissenschaft und Politik ein. Zuvor war er in den Bereichen Strategie, Transformation und Kommunikation in mittelständischen Unternehmen tätig und ist als Executive Coach aktiv. Sein Fokus liegt auf verantwortungsvoller Digitalisierung, Innovation und der Gestaltung einer lebenswerten digitalen Zukunft.

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