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© Guido Schwarz / Kyrok

© Guido Schwarz / Kyrok

„Wir sind der Ansicht, dass Supply-Chain-Teams deutlich mehr sind als Dateneingabe und repetitive Verwaltung.“

Daniel Hofinger, CEO & Co-Founder von Kyrok
Interview

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Eine Bestellung über 30 Tonnen eines chemischen Materials kommt als PDF an, wird ausgedruckt, in den Nebenraum getragen und dort von Hand in ein zweites System eingetippt. Das ist der Arbeitsalltag in vielen Pharma- und Chemiewerken Europas – und genau diesem Problem hat sich das Berliner Startup Kyrok verschrieben. Kyrok wurde 2025 von Daniel Hofinger und Lukas Bierfreund gegründet und hat nach eigenen Angaben das erste KI-Betriebssystem für Supply-Chain-Teams im europäischen Pharma- und Chemiemittelstand entwickelt. Mit 3,1 Millionen Euro Pre-Seed-Finanzierung unter Führung von Speedinvest und mit Unterstützung von Branchengrößen wie Ex-SAP-CPO Dr. Marcell Vollmer und den Langdock-Gründern baut das Unternehmen nun seine Plattform aus und vergrößert sein Berliner Team.

In diesem Interview spricht CEO Daniel Hofinger darüber, was er in den Werken gesehen hat, das ihn davon überzeugt hat, dass dies das richtige Problem ist, warum Kyrok auf bestehenden ERP-Systemen aufsetzt, anstatt sie zu ersetzen, und was das für eine Branche bedeutet, die vor einer Pensionierungswelle steht, die Jahrzehnte an Prozesswissen mit sich zu nehmen droht – und das in einem Moment, in dem Europas industrielle Basis dieses Wissen am wenigsten entbehren kann.

Was haben Sie in den Werken gesehen, das Sie überzeugt hat, dass dies das richtige Problem ist?

Der Moment, an den ich mich am deutlichsten erinnere, ist eine Bestellung über 30 Tonnen eines chemischen Materials: Sie kommt als PDF an, wird dann ausgedruckt, in den Nebenraum getragen und dort von Hand in ein zweites System eingetippt. Das passiert in Werken, die hochkomplexe Medikamente und Chemikalien herstellen. Zwischen Kundenservice, Planung und Einkauf liegen Systeme, die nicht miteinander verbunden sind. Die Teams halten sie von Hand und mit Excel-Tabellen zusammen. Ein Großteil des entscheidenden Know-hows steckt dabei in den Köpfen einer Handvoll erfahrener Mitarbeiter. Und das ist keine Ausnahme. Wir haben dieselbe Geschichte in mehr als 200 Gesprächen quer durch die Branche gehört.

Warum war es für Ihren Ansatz so zentral, sich auf bestehende ERP-Systeme aufzusetzen, und was braucht es, damit das funktioniert?

Für einen mittelständischen Hersteller kommt es nicht infrage, das System herauszunehmen, das das Werk steuert, denn die Produktion darf nicht stillstehen. Eine vollständige ERP-Migration (Enterprise Resource Planning) birgt ein echtes operatives Risiko. Deshalb setzen wir mit Kyrok auf bereits vorhandenen Systemen auf, oft ein SAP-System aus den 1990er-Jahren und lassen es unangetastet. Das zum Laufen zu bringen, ist der schwierige Teil. Unsere KI-Agenten müssen unstrukturierte Informationen lesen, beispielsweise E-Mails, die brancheneigene Logik anwenden – von Gefahrgutvorschriften bis zur Chargenendverarbeitung, und saubere Daten zurück ins ERP schreiben, ohne dass jemand hinterher nacharbeiten muss.

Wir haben fast ein Jahr damit verbracht, diese Prozesse zu verstehen, bevor wir eine einzige Zeile Code geschrieben haben. Genau diese Vorarbeit wird von außen oft unterschätzt. Aber genau das ist auch der Grund, warum unser Produkt so präzise und robust läuft, trotz der Realität aus unsauberen Stammdaten und komplexen Prozessen. Deshalb weiten unsere Kunden Kyrok gerade so schnell wie möglich auf Schwesterunternehmen aus und empfehlen uns anderen Pharma- und Chemieunternehmen.

Wie sieht Human-in-the-Loop in der Praxis aus, und wie entscheiden Sie, wo die KI handelt und wo ein Mensch die Kontrolle behält?

Die Agenten übernehmen die Vorbereitung und die Routinearbeit. Die letzte Entscheidung bleibt immer beim Menschen, der verantwortet. Nehmen wir zum Beispiel einen eingehenden Auftrag: In der Pharma- und Chemieindustrie wird ein einzelner Kundenauftrag oft in viele Produktionsaufträge zerlegt, je nachdem, in welche Charge der jeweilige Teil einfließt. Diese Aufteilung folgt einer komplexen Logik, die für jedes Produkt und jeden Kunden anders aussieht.

Der Agent liest die Bestellung, strukturiert sie und arbeit diese Aufteilung aus. Bei neun von zehn Aufträgen ist das fehlerfrei. Dann prüft ein erfahrener Mitarbeiter das Ergebnis und bestätigt es, bevor irgendetwas ins ERP einfließt. Jeder Schritt ist nachvollziehbar, sodass das Team jederzeit sehen kann, was ein Agent getan hat und warum. Je schwieriger und seltener ein Fall ist, desto stärker liegt er bei der Person statt der KI.

Wie hilft Kyrok Unternehmen dabei, Prozesswissen zu erfassen und zu bewahren, bevor es aus dem Unternehmen verschwindet?

Bis 2039 wird knapp ein Drittel der deutschen Erwerbsbevölkerung das Rentenalter erreichen. Besonders die Produktionsstandorte außerhalb der großen Städte trifft der Wegfall dieser erfahrenen Fachkräfte es besonders hart. In vielen dieser Unternehmen steckt das geschäftskritischste Wissen in den Köpfen einzelner Mitarbeiter. Wie ein bestimmter Auftrag verarbeitet werden muss, welcher Rohstoffbestand für einen Produktionsauftrag verwendet wird, wie ein seltener Sonderfall gehandhabt wird. Wenn diese Person in Rente geht, verlässt die Erfahrung das Unternehmen meist mit ihr. Das ist ein großes Problem.

Wir setzen direkt an der täglichen Arbeit an, in Onboarding-Workshops vor Ort in der Produktion. Das System lernt diese Muster, während die Menschen arbeiten. Das Prozesswissen, das früher an einer einzelnen Person hing, wird zu etwas, auf das das ganze Team zugreifen kann. So bleibt es im Unternehmen, auch wenn Generationen wechseln. Und wichtig ist uns dabei: Wir tun das gemeinsam mit der Belegschaft, niemals über ihre Köpfe hinweg.

Wie bauen Sie in diesem Umfeld Vertrauen auf, und was hat Sie am meisten überrascht?

In einer regulierten Branche musst du dir Vertrauen verdienen. Kein Unternehmen gibt sein zentrales ERP-System und seine Daten einem jungen Startup in die Hand, nur weil eine Demo gut aussah. Wir beweisen uns im echten Betrieb und arbeiten uns durch die eigenen Sonderfälle jedes Werks. Wir ersetzen keine bestehenden Systeme, die Menschen behalten die Kontrolle über jede Entscheidung, und alle Daten bleiben DSGVO-konform auf europäischer Infrastruktur.

Was mich, aus der Startup-Welt kommend, am meisten überrascht hat, ist, wie schlecht die Systeme tatsächlich sind und wie viel repetitive administrative Arbeit die Menschen immer noch von Hand erledigen müssen. Die Menschen halten gerade Systeme über manuelle Workarounds zusammen und unsere kritischen Industrien funktionieren nur deswegen. 

Wir sind der Ansicht, dass Supply-Chain-Teams deutlich mehr sind als Dateneingabe und repetitive Verwaltung. Die Menschen, die diese Lieferketten am Laufen halten, wissen, dass ihre Werkzeuge veraltet sind und sie erleben es aus erster Hand, wenn erfahrene Kollegen in Rente gehen und niemand da ist, um das Know-how aufzufangen. Wenn du mit echtem Verständnis für ihre Prozesse und mit einem langfristigen Einsatz ankommst, ist die Offenheit der Teams viel größer, als man nach dem Ruf der Branche erwarten würde.

Was bietet Berlin einem Industrial-AI-Startup wie Kyrok?

In Berlin gibt es die Talente, die wir brauchen – von KI-Ingenieuren bis zu Menschen, die schon einmal Unternehmenssoftware entwickelt haben oder selbst Gründer waren. Ihre wertvolle Erfahrung fließt direkt in Kyrok ein. Die Langdock-Gründer sind dafür ein gutes Beispiel. Jonas Beisswenger und ich haben vor Jahren gemeinsam unser erstes Unternehmen aufgebaut, und heute sind er und seine Mitgründer Investoren bei Kyrok. Verbindungen wie diese entstehen in Berlin, weil so viele Menschen in der Stadt eine ähnliche Mission verfolgen.

Wo steht Kyrok in zwei Jahren, und wie sieht Erfolg für Sie aus?

Das Modul für den Kundenservice ist heute bei unseren Kunden im Einsatz, das Einkaufsmodul kommt Ende des Jahres. Produktion und Materialplanung folgen in 2027, dann deckt das Kyrok-Betriebssystem die gesamte Supply Chain ab. Ein Rohstoff kommt zu spät an? Der Einkauf wird sofort informiert, die Planung passt sich an, und die E-Mail an den Kunden ist mit einem Klick versandbereit. Was vorher Stunden oder Tage gedauert hat, funktioniert dann in Echtzeit. 

In zwei Jahren wird Kyrok täglich im Einsatz bei mittelständischen Pharma- und Chemieunternehmen in der DACH-Region. Ich wünsche mir, dass wir den Schritt in Europas andere Länder gehen. Das bedeutet konkret: Hersteller, bei denen das Wissen im Betrieb bleibt, auch wenn Menschen in Rente gehen. Medikamente, die bei Patienten ankommen, weil die Lieferketten dahinter einfach funktionieren. Europas Industrie steckt gerade in einer schwierigen Lage. Genau deswegen wollen wir dazu beitragen, sie wieder wettbewerbsfähig zu machen. Das ist unser Beitrag zu Europas industrieller Basis für kommende Generationen.

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